MR036 Der Spiegel und Wikileaks

MR036 Der Spiegel und Wikileaks

Author: Philip Banse December 21, 2010 Duration: 1:27:06
Der Spiegel denkt über eine eigene Leak-Plattform nach. "Was Wikileaks heute anbietet, wird in 10 Jahren jedes Medium bieten", sagt der Wikileaks-Koordinator des Spiegel, Holger Stark, in dieser Ausgabe des Medienradio. Der Ressortleiter Deutschland beim Spiegel sagte, die Debatte über eine eigene Annahmestelle für Geheim-Informationen im Netz laufe "seit wir uns mit Wikileaks beschäftigen und hat sich in diesem Jahr noch mal verstärkt". Die Entscheidung über eine Teilnahme des Spiegel an openleaks.org sei "noch nicht getroffen", sagt Stark. Für den Spiegel sei es schwer, technische Infrastruktur aus der Hand zu geben. Holger Stark, dessen Buch "Staatsfeind Wikileaks" Ende Januar veröffentlicht wird, berichtet detailliert über die Zusammenarbeit des Spiegel und anderer Medien mit Wikileaks. Spiegel, Guardian, New York Times und Co. hätten etwa verabredet, dass bestimmte Themen erst nach einigen Tagen veröffentlicht werden. Auch wurde ein ungefährer Umfang der Berichterstattung festgelegt. Holger Stark wundert sich beispielsweise, als er hört, dass der Guardian in den ersten 18 Tagen 135 Artikel schrieb, der Spiegel nur 29. Stark sagte, er könne sich vorstellen, dass die Botschafts-Depeschen "schon recht bald der Weltöffentlichkeit gehören". Der Spiegel habe keinen Exklusiv-Vertrag mit Wikileaks und in keiner Form Geld bezahlt. Jeder könne sich um das Material bemühen. Wer die Depeschen bekomme, entscheide alleine Wikileaks. Sicher auch eine Reaktion auf eine Beschwerde, die beim Deutschen Presserat einging. Es gebe keinen festen Kriterien-Katalog, nach dem Depeschen geschwärzt werden, sagt Stark. Es gelte vor allem Informanten zu schützen - je weiter unten sie auf der staatlichen Hierarchie-Leiter stehen, desto eher würde ihr Name geschwärzt. Stark nennt aber auch Beispiele, in denen Bezeichnungen von Infrastrukturen aus den Depeschen gestrichen wurden. Jedes beteiligte Medium reiche Depeschen an Wikileaks weiter verbunden mit Vorschlägen, welche Informationen nicht veröffentlicht werden sollten. Manchmal sprächen sich die Medien vorher auch ab. Ob und welche Anregungen Wikileaks umsetzt, sei Wikileaks überlassen. Holger Stark berichtet über Gespräche mit dem State Department kurz vor der Veröffentlichung der Depeschen-Stories im Spiegel. Wir haben auch über die Online-Strategien geredet. Spiegel Online verlinkt die Original-Depeschen nur sehr sparsam. Das geschehe, um die Übersichtlichkeit zu verbessern, sagt Stark, "hat vielleicht auch etwas mit Arbeitsaufwand zu tun". Einem Rohdaten-Download wie beim Guardian steht Stark skeptisch gegenüber, das sei "im wesentlichen Aufgabe von Wikileaks". Wikileaks stehe vor der großen Herausforderung, seine Struktur zu ändern. Nötig sei die Transformation von "einer Art Bürgerinitiative" zu einem "Amnesty für Information". 2010 - das Jahr der Wikileaks. Gegen Ende sprechen wir über die Lehren für Politik und Journalismus. Medien würden ihre Gatekeeper-Funktion im Wikileaks-Zeitalter behalten, glaubt Stark, müssten aber massiv aufrüsten, um Datenberge schneller und transparenter abarbeiten zu können. Lehren für die Politik: Für das wirklich Wichtige gelte wieder: Papier only. Prognose für 2011: "Mal angenommen, Wikileaks hätte ein Backup eines Servers der Bank of America..." Ein paar Links: Operation Leakspin.org Wikileaks cables beim Guardian Wikileaks-Seite des Spiegel Frank Rieger: "Wikileaks und Folgen", FAZ

In Das Interview. Mit Philip Banse führt der Journalist Philip Banse Gespräche, die tiefer gehen. Statt oberflächlicher Aktualität entstehen hier längere, ungehetzte Dialoge mit Menschen, die etwas zu sagen haben-aus den Bereichen Politik, Wissenschaft, Medien und Kultur. Die Themen sind immer gesellschaftlich relevant, oft kontrovers, und drehen sich um die Fragen, die unser Zusammenleben prägen: Wie verändert Technologie die Demokratie? Wo entstehen neue soziale Konflikte? Welche Ideen und Forschungen könnten unsere Zukunft bestimmen? In diesem podcast hört man keine schnellen Interviews von der Stange, sondern entwickelte Gespräche, in denen Gedanken Zeit haben, sich zu entfalten. Banse bereitet sich gründlich vor, hört genau zu und fragt nach, ohne seine Gäste vorzuführen. Das Ergebnis ist eine Form des Zuhörens, die für die Hörerinnen und Hörer ebenso lehrreich wie fesselnd ist. Man taucht ein in komplexe Sachverhalte und bekommt zugleich ein Gefühl für die Personen hinter den öffentlichen Positionen. Es ist ein podcast für alle, die sich für die Hintergründe und treibenden Kräfte in News, Kultur, Politik und Gesellschaft interessieren und dabei schätzen, wenn ein Interview mehr ist als ein Frage-Antwort-Spiel.
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Das Interview. Mit Philip Banse
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